12.02.11 Marktplatz Innenstadt
Leonberger Blickwinkel
Einzelhandel. Der Handel steht in Leonberg vor massivem Wandel. Oder sollte man lieber sagen: Um neuen Handel gibt es bald Händel?
Der "Wandel im Handel" ist nicht nur ein geflügeltes Wort von Verbands-funktionären, sondern gerade in Leonberg mit Händen zu greifen. Zum Beispiel beim jüngsten Leonberger Pferdemarkt. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass der verkaufsoffene Sonntag, gewürzt mit einem deftigen Guggenmusiktreffen und beglückt mit vorfrühlingshaftem Wetter, mehr Besucher in die Stadt zieht als der altehrwürdige Rossmärktsdienstag selbst? Dass die Menschen in den Geschäften nicht nur preiswerte Wollunterhosen und Wohnzimmerecksofas suchen, sondern vor allem Unterhaltung und Zerstreuung? Wenn bei umtriebigen Verkäufern wie den "Wibbels" oder den "Zieglers" am Marktplatz die Gläser klirren, klingelt es auch in der Kasse.
Und das kunterbunte Flohmarkttreiben entlang der Römerstraße war ein herrlicher Kontrast zu den vornehmen Wohnlandschaften Hofmeisters oder den schicken Auslagen von Karstadt. Die Bürgersteige waren schwarz - vor Menschenmassen.
Leonberg funktioniert noch als Magnet ins Umland. Allerdings ist der verkaufsoffene Sonntag zum Pferdemarkt der Höhepunkt im lokalen Händlerjahr. Denn noch konzentrierter als beim Weihnachtsgeschäft kommen hier sehr viele Besucher für einen Tag lang in die Innenstadt.
Das rückt den Blick auf den Investor Rudi Häussler, der sich - den Turbulenzen um einen ab- und schließlich wieder aufgebauten Bauzaun sei Dank - nach langer Zeit wieder öffentlich zu Wort meldete und seine "Leidenschaft für das Projekt in Leonberg" mehrfach versicherte. Totgesagte leben länger!?
Der 82-Jährige ist alter Fahrensmann und Stratege genug, um zu wissen, warum er ausgerechnet im Mittelzentrum Leonberg und nicht in Stuttgart - wo auch viele auf ein Wort von ihm warten - sich zurückmeldete. Während seine großen Vorhaben wie der Seepark Möhringen oder die Villa Berg in der finanziellen oder politischen Sackgasse stecken, hat er in Leonberg bislang stets einstimmige Gemeinderats- beschlüsse für sein Vorhaben bekommen.
Und dem Vernehmen nach hat er für die Leonberger Brachfläche offensichtlich einen Hauptfinanzier, der größtes Interesse daran haben dürfte, dass dieses Grundstück nicht per Konkursmasse an den Gläubiger zurückfällt: Wüstenrot selbst. Entsprechend verfügt Häussler in Leonberg über Rückenwind, den er bei anderen Projekten so nicht hat. Klar ist auch: Ohne externe Finanzierer wird Häussler in Leonberg kaum einen Stein bewegen, sondern maximal die Baustellenabsicherung bezahlen können. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn andere Bauträger arbeiten ausschließlich so.
Auch die architektonische Lösung ist dank der Planung des Büros Behnisch und Partner deutlich gehaltvoller als der Möhringer Seepark, der zu kompakt erscheint und keine Interessenten findet.
Die spannende Frage ist jetzt - und daran wird sich letztlich auch das Schicksal unserer Bausparkassenbrache entscheiden: Wird das Handelskonzept für gewaltige 14 500 Quadratmeter Fläche, der sogenannte "Erstbesatz", so klug gewählt, dass attraktive dicke Fische konsumfreudige Kaufvögel aus dem Umland anlocken? Schafft es eine Stadt wie Leonberg seine Magnetwirkung neu zu entfalten - oder verpufft die Attraktivität der alten Kreisstadt im Überangebot, dass sich letztlich gegenseitig kannibalisiert?
Spannende Fragen, die wir am 2. März mit Ihnen diskutieren wollen!
© 2011 Leonberger Kreiszeitung, von Michael Schmidt

