12.02.11 "Der Kuchen wird nur einmal verteilt"

Leonberg. Die überraschende Rückmeldung von Rudi Häussler hat die Debatte um zusätzliche Großmärkte und Einkaufszentren in der Stadtmitte neu entfacht. Die Leonberger Kreiszeitung will dies mit Experten diskutieren, bei "LKZ im Gespräch". 

 

Der verkaufsoffene Sonntag zum Pferdemarkt hat wohl alle Verkaufsrekorde gebrochen. Das sagen unisono kleine und große Händler der Stadt. Der Leonberger Oberbürgermeister Bernhard Schuler kann sich nur an einen Sonntag erinnern, an dem noch mehr Menschen in die Stadt strömten "und das war der allererste verkaufsoffene Sonntag, ganz zu Beginn meiner Amtszeit".

Die spannende Frage, die sich hinter und vor den Ladentheken nun stellt: Ist an diesem Sonntag das wahre Potenzial aufgeblitzt, was die Kauflaune der Leonberger und seiner Besucher betrifft? Tatsächlich prognostizieren Gutachter der Beratungsgesellschaft Cima, dass allein die Leonberger rund 271 Millionen Euro im Jahr ausgeben können. Im gesamten Altkreis von Ditzingen bis Weil der Stadt könnten jährlich mehr als 142 000 Menschen bis zu 848 Millionen Euro in den Kassen von Supermärkten, Boutiquen, Möbelhäusern oder Autohäusern liegen lassen.

Verglichen mit anderen Landstrichen in Deutschland ist das ein Spitzenwert. Soll man diese Kaufkraft allein der Stuttgarter Königsstraße oder den Internet-Kaufhäusern überlassen? Zumal die Einkaufsstadt Leonberg bald noch schneller von mehr Menschen erreicht werden kann. Frank Hofmeister, Chef des gleichnamigen Möbelhauses, blickt mit großen Erwartungen auf den sechsspurigen Ausbau der A 8 bis Pforzheim. "Dann feiern wir eine zweite Neueröffnung in Leonberg, denn das erweitert unser Einzugsgebiet bis weit in den Schwarzwald hinein", sagt der Besitzer der größten Leonberger Handelsfläche.

Tatsächlich verfolgt die Leonberger Stadtverwaltung schon seit dem Jahr 2002 eine Einzelhandelskonzeption, die bestehenden und künftigen Einzelhändlern in der Stadt Planungssicherheit geben soll - und die auch Wildwuchs auf der grünen Wiese oder in Gewerbegebieten ebenfalls verhindern soll. Einen Dauerhändel hierzu kann man in Städten wie Böblingen, Sindelfingen oder Ludwigsburg studieren.

Leonberg hatte vor 40 Jahren die bessere Entscheidung getroffen, das Leo-Center genau in die allmählich zusammenwachsende Mitte zwischen Eltingen und Leonberg zu pflanzen. Daraus ergeben sich zwei Handelsachsen: die Römerstraße und die Eltinger Straße in Richtung Post. Die Frage, die sich nun stellt: Wie viel neuen Handel verträgt die Stadt? Was passt auf die Brachflächen?

Es gibt dazu klare Maßzahlen: Genau 17 300 Quadratmeter zusätzlicher Verkaufsfläche könnte die Stadt noch brauchen, haben Gutachter errechnet. Das Herzstück aller Planungen von Leonbergs Erster Bürgermeisterin Inge Horn ist das Gebiet des "Stadtumbaus", jene zehn Hektar zwischen Römergalerie und Altstadtmauer am Törlensweg.

Allein hier könnte bis zu 14 500 Quadratmeter an Handelsfläche unterkommen. Wenn nun der Stuttgarter Investor Rudi Häussler tatsächlich bauen will, dann bescheinigen ihm Gutachter, dass er auf seinen zwei Hektar einstigem Bausparkassenareal Großmärkte mit mindestens 8000 Quadratmetern Fläche benötigt, damit das neue Quartier funktioniert. Damit ein dort geplanter, neuer Stadtboulevard als Bindeglied von Alt- und Neustadt funktioniert, empfehlen Gutachter dringend, auch auf dem heutigen Postarareal Handel anzusiedeln. Das bedeutet unterm Strich: 14 000 Quadratmeter neuer Einkaufsparadiese im Herzen der Stadt.

Damit wird es eng für alle, die in der Römerstraße bauen wollen: Kaufland hat zum Ende des vergangenen Jahres nach längerem Stillschweigen scheinbar wieder entdeckt, dass sie in Leonberg auf dem einstigen Bammesberger-Areal (östlich von Möbel Hofmeister an der Römerstraße) eigentlich ein 5000-Quadratmeter-Zentrum bauen wollten. "Da ist wieder mehr Bewegung in die Sache gekommen", kommentiert die Baubürgermeisterin.

Die offene Frage: Wer gewinnt das Windhundrennen? Tatsächlich ist es nämlich so, dass der zuerst kommt, durchaus entscheiden kann, welche Sortimente in welcher Größenordnung angeboten werden. "Der Kuchen wird nur einmal verteilt - und die Kuchenstücke werden dann kleiner", erklärt Inge Horn die für einen Laien schwer nachvollziehbare Berechnung von Sortimenten und Verkaufsflächen. Nach dieser komplizierten Rechnung besitzen ein Edeka mit 4000 Quadratmetern und ein Kaufland mit 5000 Quadratmetern am Ende in Summe doch nur 7000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Unbenommen bleibt davon die (politische) Frage: Wie viel neue Elektronikfachmärkte, Schuh-Megastores und Sportmärkte braucht Leonberg an den 360 Tagen, da kein Pferdemarkt ist?

 

© 2011 Leonberger Kreiszeitung, von Michael Schmidt